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2026-02-22

🍼👄 Wenn Beruhigung im Mund gelernt wird: Nuckelgebrauch, orofaziale Entwicklung und späteres „orales Coping“

Der Nuckel ist im frühen Kindesalter ein funktionales Werkzeug: Er nutzt nicht-nutritives Saugen, ein biologisch vorbereitetes Verhaltensprogramm, das in vielen Situationen zuverlässig beruhigt, Schmerzen dämpfen kann und die Zustandsregulation unterstützt (1). In der klinischen Realität ist dies häufig kein „Lifestyle-Gadget“, sondern ein pragmatischer Regler in Phasen, in denen Schlaf, Überforderung, Koliken, Trennungsstress oder sensorische Überlastung Familien an Grenzen bringen. Eine wissenschaftliche Aufklärung über potenzielle Folgen muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig leisten: Sie darf den Nuckel weder romantisieren noch moralisieren. Sie muss erklären, welche beobachtbaren Endpunkte bei prolongiertem Gebrauch plausibel sind, wie stark die Evidenz je nach Endpunkt ist, und warum der Nuckel nicht nur ein Objekt, sondern auch ein Lernsignal sein kann.

Dieser Text arbeitet drei Ebenen auseinander, die im Alltag oft vermischt werden: erstens die orofaziale Funktion (Kauen, Schlucken, Atmung, Speichelmanagement, Artikulation), zweitens die dentoalveoläre und skelettale Entwicklung (Biss, Gaumenform, Zahnstellung), drittens die Lernpsychologie der Stressreduktion, mit besonderem Fokus auf späteres „orales Coping“ als Gewohnheitsmuster, zunächst unabhängig von Substanzen.

🧠🧩 Die zentrale Lernlogik: Stressreduktion durch negative Verstärkung

Wenn ein Kind in einem aversiven Zustand ist – Anspannung, Unruhe, Angst, Überreizung – und ein Verhalten senkt diesen Zustand zuverlässig, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Verhalten wieder genutzt wird. Das ist der Kern negativer Verstärkung: Nicht ein „gutes Gefühl“ wird hinzugefügt, sondern etwas Unangenehmes wird durch das Verhalten entfernt oder reduziert, wodurch das Verhalten stabiler wird (2). Auf Nuckelgebrauch übertragen heißt das: Der Nuckel kann zu einem hoch verlässlichen, sofort verfügbaren „Downregulationsknopf“ werden. Der relevante Lerneffekt ist dabei weniger „der Nuckel“, sondern die Regel, die im Nervensystem entsteht: Bei Stress wird oral stimuliert, und der innere Zustand kippt Richtung Ruhe.

Warum ist das wichtig? Weil solche Verknüpfungen, wenn sie sehr häufig, sehr früh und sehr konsistent auftreten, in Richtung automatisierter Reiz-Reaktions-Programme driften können. Moderne Habit-Modelle unterscheiden goal-directed Handlungen (zielgeleitet, flexibel, sensibel für Konsequenzen) von Gewohnheiten (stärker stimulus-response-kontrolliert, weniger sensitiv für Outcome-Devaluation) (3–5). Je häufiger eine Stress-Situation als wiederkehrender Cue auftritt und je zuverlässiger die orale Routine den Zustand reduziert, desto eher wird daraus ein Default-Pfad, der kaum kognitive Entscheidung benötigt. Das ist kein pathologischer Begriff von „Sucht“, sondern zunächst die Neurobiologie effizienter Automatisierung: Der Organismus wählt die schnellste und sicherste Lösung, weil sie energetisch billig ist und die Situation stabilisiert.

Diese Logik ist der Grund, warum in der Erwachsenenforschung orale Motorik als akuter Stressmodulator untersucht wird. Kauen, etwa Kaugummikauen, ist in mehreren Arbeiten mit reduzierten Stress- oder Angstmaßen und teils niedrigeren Cortisolwerten assoziiert, auch wenn Effekte je nach Setting variieren (6–8). Das ist kein Beweis für eine Nuckel-zu-Coping-Kette, aber es zeigt eine plausible Brücke: Orale sensorimotorische Aktivität kann Zustandsregulation beeinflussen. Ein Nervensystem, das früh lernt, oral zu regulieren, hat einen nachvollziehbaren Grund, später in stressigen Zuständen wieder zu oral verfügbaren Routinen zu greifen – auch ohne Substanz und ohne „klassische“ Abhängigkeit.

👶🫀 Nicht-nutritives Saugen als frühe Selbstregulation: Physiologie und Entwicklungsfenster

Nicht-nutritives Saugen wird in der Neonatologie und Pädiatrie nicht zufällig genutzt. Übersichtsarbeiten zeigen Effekte auf physiologische Stabilität und Verhalten bei Frühgeborenen, etwa in Richtung besserer Zustandsregulation und teilweise reduzierter Stressreaktionen (1). Diese Frühphase ist entscheidend für das Verständnis, warum der Nuckel überhaupt so gut funktioniert: Er greift in ein entwicklungstypisches System ein, in dem Rhythmus, orale Afferenz und Beruhigung eng gekoppelt sind.

Gleichzeitig ist Entwicklungsbiologie immer auch ein Zeitfenster-Thema. Ein Mechanismus, der mit wenigen Monaten adaptiv ist, kann mit fünf bis sieben Jahren eine andere Bedeutung haben – nicht, weil er „böse“ wird, sondern weil sich die Aufgaben des Systems verändern. In den Vorschul- und frühen Schuljahren explodieren Sprache, soziale Interaktion, komplexeres Essen, selbstständige Emotionsregulation, Schlaf-Wach-Organisation und die Reifung orofazialer Muster. Ein Objekt, das regelmäßig im Mund ist, konkurriert dann nicht nur mit „Beruhigung“, sondern auch mit Übungszeit, Motorik-Feinabstimmung, Lippenkompetenz, Zungenruhelage und Atemmuster. Das ist die funktionelle Logik hinter vielen logopädischen Beobachtungen.

👄🗣️ Orofaciale Funktion als System: Speichel, Mundschluss, Zunge, Schlucken, Kauen, Sprache

Logopädisch beschrieben werden bei Kindern mit sehr langem Nuckelgebrauch häufig Endpunkte wie vermehrtes Sabbern, offener Mund in Ruhe, Lispeln, Verschlucken, ineffiziente Mastikation und Bolusmanagement sowie verzögerte oder auffällige Sprechentwicklung. Um das wissenschaftlich einzuordnen, ist das Konzept orofazialer myofunktioneller Störungen (OMD) hilfreich. ASHA beschreibt OMD als Muster von Muskel- und Haltungsfunktionen im orofazialen Bereich, die Wachstum, Struktur und Funktion beeinflussen können, einschließlich Zungenruhelage, Schluckmuster, Atmung, Mastikation und Artikulation, und betont die multifaktorielle Genese (9). Ein interprofessioneller Blick ist dabei zentral, weil OMD-Muster häufig mit dentoalveolären Veränderungen, Atemwegsfaktoren (z. B. chronische Nasenobstruktion), Allergien, Adenoiden/Tonsillen und Gewohnheiten zusammen auftreten (9).

Eine Konsensus-Zusammenstellung aus dem orofazial-myofunktionellen Feld beschreibt OMD-Kernmerkmale wie abnorme labial-linguale Ruhepostur, atypische Kau- und Schluckmuster, beeinträchtigtes Bolusmanagement und Sprechauffälligkeiten (10). Diese Beschreibung passt bemerkenswert gut zu klinischen Endpunkten, die in der Praxis bei prolongierten oralen Habits gesehen werden. Der entscheidende wissenschaftliche Punkt ist jedoch: Die Beobachtung ist real, aber die Kausalrichtung ist oft komplex. Ein Nuckel kann ein beitragender Faktor sein, er kann aber auch ein Marker für ein Kind sein, das sensorisch hochsensitiv ist, häufiger dysreguliert oder mehr Co-Regulation benötigt. Genau deshalb müssen Mechanismen und Confounder gleichzeitig gedacht werden.

Beim Speichelmanagement ist die plausible Funktionskette häufig nicht „zu viel Speichel“ im Sinne einer Drüsenerkrankung, sondern zu wenig effizientes Management: Lippenverschluss, Wangen- und Zungenkoordination in Ruhe und beim Schlucken sind entscheidend dafür, dass Speichel unauffällig nach hinten transportiert und geschluckt wird. Wenn die Mundhaltung häufig offen ist und die Zunge eher vorne oder flach liegt, kann Speichel leichter austreten. Das passt zu dem Endpunkt „übermäßiges Sabbern“ als beobachtbarem Funktionsproblem, nicht notwendigerweise als primäre Sekretionsstörung.

Beim Schlucken und Verschlucken ist die Schnittstelle zwischen Zungenruhelage, Bolusmanagement und Atemmuster zentral. In OMD-Modellen werden atypische Schluckmuster, unter anderem mit Zungenvorschub, als potenziell artikulations- und okklusionsrelevant diskutiert (9–11). Myofunktionelle Therapie wird in der Literatur als Interventionsrahmen für bestimmte Muster beschrieben, wobei die Evidenzlage je nach spezifischem Outcome und Studiendesign variiert (11). Wichtig ist hier die Präzision: Der Nuckel „macht“ nicht automatisch ein Schluckproblem, aber ein dauerhaftes Objekt im Mund kann Bedingungen begünstigen, unter denen ein ineffizientes Muster stabil bleibt.

Beim Kauen beschreibt die klinische Beobachtung – Mund offen, Zunge zerdrückt Nahrung am Gaumen – ein Bild von ineffizienter Mastikation und unzureichender lateraler Zungenbewegung. Kauen ist nicht nur „Beißkraft“, sondern eine hochkoordinierte Sequenz aus Lippenverschluss, Kieferbewegung, lateraler Bolusverlagerung, rhythmischer Kaumusterung und timing-genauem Schlucken. In OMD-Rahmen wird genau diese Ebene adressiert: Mastikation und Bolusmanagement sind zentrale Funktionsdomänen (10). Wenn ein Kind in einer Entwicklungsphase, in der Kaumuster reifen und Texturen erweitert werden sollten, sehr häufig oral beruhigt wird, kann dies zwei Effekte haben: motorische Übungskonkurrenz und Stabilisierung eines „Mund ist offen/Objekt ist drin“-Ruhemusters, das sich in Esssituationen fortsetzen kann. Diese Logik ist funktionell stimmig, muss aber in der Kommunikation sauber als plausibler Mechanismus, nicht als deterministische Garantie, formuliert werden.

Beim Sprechen sind zwei Mechanismen besonders relevant. Der erste ist motorisch-strukturell: Artikulation hängt von präzisen Zungen- und Lippenkontakten, Gaumenform, dentalen Strukturen und Atem-Sprech-Koordination ab. Der zweite ist schlicht Verfügbarkeit: Ein Mund, der häufig mit einem Nuckel beschäftigt ist, spricht weniger. In frühen Sprachfenstern ist weniger Übung nicht trivial. Es gibt Arbeiten, die Zusammenhänge zwischen intensiver oder prolongierter Nuckelnutzung und Sprach-/Sprachverarbeitungsendpunkten diskutieren, allerdings mit unterschiedlicher Evidenzqualität. Eine Übersichtsarbeit in Frontiers diskutiert negative Assoziationen prolongierter Nutzung mit Sprachoutcomes in frühen Jahren und verweist auf die Bedeutung intensiver Tagesnutzung und des Altersfensters (12). Eine Studie aus dem Journal of Clinical Speech & Language Studies untersuchte Artikulationsendpunkte in Gruppen mit unterschiedlicher Nuckelnutzungsdauer und fand Hinweise auf Zusammenhänge, wobei die Autoren selbst den vorläufigen Charakter betonen (13). Eine systematischere Betrachtung aus dem Bereich „dummy use and speech“ kommt zu dem Schluss, dass messbare Spracheffekte eher bei intensiver Nutzung über mehrere Stunden am Tag auftreten könnten, die Evidenzbasis insgesamt jedoch klein ist und zurückhaltend interpretiert werden sollte (14). Diese Differenzierung ist zentral: Bei vielen Endpunkten ist die beste wissenschaftliche Haltung nicht Alarmismus, sondern Dosis-Denken.

🦷🏗️ Der robustere Bereich: Malokklusion, Gaumenform und Biss als belastbare Endpunkte

Während Sprach- und myofunktionelle Endpunkte heterogen sind, ist die Evidenz für dentoalveoläre Effekte prolongierter Sauggewohnheiten traditionell robuster. Eine größere Übersichtsarbeit beschreibt eine klare Assoziation zwischen Schnullergebrauch und Malokklusionen wie anterior open bite und posterior crossbite; die Risikohöhe hängt von Dauer, Häufigkeit und Intensität ab (15). Ein weiterer Review-Artikel diskutiert ebenfalls die starke Assoziation von Schnullerhabit mit offenem Biss und Kreuzbiss und vergleicht dabei auch Unterschiede zwischen Schnullerdesigns, wobei „orthodontische/physiologische“ Formen tendenziell weniger offene Bisse zeigten als konventionelle Formen, ohne dass Design das Grundproblem „Habits und Dosis“ vollständig eliminiert (16). Ein thematischer Review über 2014–2024 berichtet konsistent erhöhte Prävalenzen bestimmter Malokklusionen bei Schnullergebrauch, wiederum mit Dosisbezug (17).

Warum ist das in einem logopädisch fokussierten Text relevant? Weil Struktur und Funktion sich gegenseitig beeinflussen. Ein offener Biss verändert die räumlichen Bedingungen für Zungenruhe und Zungenkontakte bei Sibilanten; ein veränderter Gaumen kann die Artikulation und die Schluckmechanik indirekt beeinflussen. Umgekehrt können persistierende funktionelle Muster (Zunge vorne, Mund offen) dentale Situationen stabilisieren oder Rezidive begünstigen. Das ist kein moralisches Urteil, sondern Systemdenken: Mund, Zunge, Zähne und Atmung sind ein gekoppeltes Netzwerk.

Dass diese Kopplung praktisch ist, zeigt eine Studie, die explizit okklusale und myofunktionelle Alterationen gemeinsam untersuchte: In einer Untersuchung an Vorschulkindern wurden Dauer und Frequenz des Schnullerhabits erfasst und sowohl okklusale als auch orofaziale myofunktionelle Merkmale durch Zahnarzt und Sprachtherapeut:in erhoben; die Arbeit berichtet Assoziationen zwischen Habit-Dosis und bestimmten okklusalen sowie myofunktionellen Alterationen (18). Solche Designs sind besonders wertvoll, weil sie nicht nur „Zähne“ oder nur „Sprache“ betrachten, sondern die Schnittstellen.

🧠👄 Der Fokus dieses Artikels: Späteres orales Coping als Gewohnheitsarchitektur, unabhängig von Substanzen

Der Kern der Fragestellung liegt nicht primär bei Zahnfehlstellungen oder Artikulation, sondern bei einer übergeordneten Hypothese: Wenn Stressreduktion früh zuverlässig über den Mund organisiert wird, kann später bei Stress eine Präferenz für orale Routinen entstehen, unabhängig davon, ob diese routinenhaft (Kaugummi, Nägelkauen, Snacken, ständiges Trinken) oder substanznah (Zigarette, Vape, Alkohol als „Mundritual“) sind. Diese Hypothese lässt sich wissenschaftlich seriös vertreten, wenn sie als das formuliert wird, was sie ist: ein plausibles Lern- und Habit-Modell mit testbaren Vorhersagen, aber ohne Anspruch auf lineare Deterministik.

Auf Habit-Ebene ist das Modell elegant. Die neurowissenschaftliche Habit-Literatur beschreibt, wie wiederholte Verhaltenssequenzen über Verstärkungslernen in stimulus-response-Verknüpfungen übergehen können, die in bestimmten Kontexten automatisch ablaufen (3–5,19). Wenn der Kontext „innerer Stress“ häufig ist, wird er selbst zum Stimulus. Die Routine ist oral. Die Konsequenz ist Zustandsreduktion. Genau hier zeigt negative Verstärkung ihre besondere Macht: Sie stabilisiert Verhaltensweisen, weil sie das Ende eines aversiven Zustands markiert (2). Der Organismus lernt nicht, „weil es lecker ist“, sondern weil es stiller wird im System.

Die entscheidende Präzisierung ist, dass „orales Coping“ in diesem Modell keine Substanz benötigt. Es genügt jede orale Handlung, die sensorisch-motorisch reguliert: Kauen ist rhythmisch und propriozeptiv reich, Saugen ist rhythmisch und afferent stark, Trinken gibt Schlucksequenzen und Temperaturreize, Snacken kombiniert orale Sensorik mit dopaminergem Reward. In der Stressforschung zu Kaugummi wird genau dieser Punkt indirekt sichtbar: Selbst ohne psychoaktive Substanz kann eine orale Routine in akuten Stressaufgaben negative Stimmung und Stressindikatoren reduzieren, wobei Mechanismen nicht abschließend geklärt sind (6–8). Das ist im Kern der Beleg, der für die Plausibilität benötigt wird: Oral-motorische Aktivität ist ein potenzieller Regler.

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive ist zudem plausibel, dass frühe, körpernahe Regulatoren als „erste Sprache“ des Nervensystems fungieren. Co-Regulation durch Bezugspersonen, Rhythmus, Berührung, Bewegung und Stimme sind klassische, gut belegte Beruhigungssysteme in den ersten Lebensmonaten (20). Wenn jedoch ein Kind oder ein Familiensystem – aus Gründen, die häufig nachvollziehbar sind – primär auf eine einzelne Strategie setzt, kann sich die interne Kompetenzentwicklung verschieben: nicht, weil „falsch“ gehandelt wird, sondern weil Lernen immer Opportunitätskosten hat. Jede Strategie, die sehr gut funktioniert, reduziert den Druck, andere Strategien zu üben. Das kann später bedeuten, dass bei Stress weniger schnell auf Atmung, Bewegung, soziale Kontaktaufnahme oder kognitive Reappraisal-Routinen zurückgegriffen wird, weil das Gehirn eine ältere, schnellere und zuverlässig konditionierte Lösung kennt: Mund.

Wissenschaftlich sauber ist dies als Vulnerabilitätsmodell zu formulieren: Prolongierte orale Selbstregulation könnte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Stress später bevorzugt über oral verfügbare Routinen moduliert wird, insbesondere bei hoher Stresslast, sensorischer Sensitivität oder geringer Verfügbarkeit alternativer Coping-Repertoires. Dieses Modell macht Vorhersagen, die testbar sind, ohne in moralische Narrative zu kippen. Es sagt nicht: Nuckel verursacht Sucht. Es sagt: In manchen Biografien kann frühe, stark repetierte orale Downregulation eine Präferenzspur legen, die später in ritualisierten oralen Gewohnheiten sichtbar wird.

Der methodische Knackpunkt ist Confounding. Kinder, die sehr lange am Nuckel hängen, sind nicht zufällig verteilt. Es kann Temperamentseffekte geben (höhere Reaktivität), Umweltstress (mehr Belastung, weniger Schlaf), Bindungsdynamiken oder sensorische Profile, die sowohl prolongierte Nuckelnutzung als auch späteres Copingverhalten beeinflussen. Genau deshalb ist die korrekte Sprache nicht Kausalbehauptung, sondern Pfadmodell: Nuckel-Dosis könnte über OMD-Muster und über Habit-Lernen als Mediator wirken, parallel zu Stress- und Temperamentsfaktoren als Moderatoren. Das macht das Thema wissenschaftlich interessant, weil es eine Brücke zwischen Logopädie, Entwicklungspsychologie und Habit-Neuroscience schlägt.

🔬📌 Beobachtbare Endpunkte in der Praxis: Funktion, Struktur, Verhalten

Wenn der Anspruch reine Aufklärung ist, dann sind Endpunkte solche Phänomene, die klinisch sichtbar und interprofessionell beurteilbar sind: persistierender offener Mundschluss in Ruhe, auffälliges Speichelmanagement mit relevantem Sabbern über das altersübliche Maß hinaus, ineffizientes Kaumuster und Bolusmanagement, häufiges Verschlucken oder unsicheres Schlucken, Artikulationsauffälligkeiten (z. B. interdentalisierte Sibilanten) und Hinweise auf verzögerte Sprachentwicklung. Auf der Struktur-Ebene sind Endpunkte Malokklusionen wie anterior open bite und posterior crossbite sowie Gaumenformveränderungen, deren Zusammenhang mit prolongierten Sauggewohnheiten in Reviews konsistent beschrieben wird (15–17). Auf der Verhaltens-Ebene sind Endpunkte bei älteren Kindern und Jugendlichen keine „Sucht“ im klinischen Sinn, sondern Persistenz oraler Beruhigungsroutinen unter Stress: zwanghaftes Kauen, Snacken als Spannungsregulation, Nägelkauen, ständiges Trinken, Lippen- und Wangenbeißen. Das sind keine Diagnosen, aber beobachtbare Phänomene, die als Coping-Stil erfassbar sind.

Dass Effekte dosisabhängig sind, sollte immer betont werden. Auch im Sprachbereich deuten Arbeiten darauf hin, dass problematische Effekte eher bei intensiver Tagesnutzung über mehrere Stunden auftreten und die Evidenz insgesamt vorsichtig zu interpretieren ist (14). Das ist keine Entwarnung, sondern eine Präzisierung: Es besteht ein relevanter Unterschied zwischen kurzzeitiger Nutzung zu spezifischen Zeiten und einer Tagesnutzung, die Funktion, Übung und Kommunikation dauerhaft beeinflusst.

🧭🧑‍⚕️ Einordnung ohne Bashing: Schlussfolgerung als Systemverständnis

Eine wissenschaftliche Aufklärung, die nur „wegnehmen“ sagt, verfehlt die Realität. Wenn ein Nuckel eine Regulationsfunktion hat, muss eine Veränderung im System eine Ersatzlogik anbieten. Sonst wird der Stress nicht kleiner, sondern nur die Strategie wird entfernt, und das System sucht sich eine andere schnelle Lösung. Genau hier liegt die Verbindung zu oralem Coping: Wenn der Mund als Regler gut trainiert ist, wird er sich Alternativen suchen, sobald der ursprüngliche Nuckel wegfällt. Das kann harmlos sein (z. B. Kaugummi), es kann funktionell ungünstig sein (z. B. Dauer-Snacking), und es kann – in Kombination mit Umweltfaktoren – in substanznahe Routinen kippen. Der präzise Präventionsgedanke ist deshalb nicht Verbot, sondern Repertoire: Je mehr sichere, wiederholt geübte Downregulationsstrategien vorhanden sind, desto weniger muss ein einzelner Kanal alles leisten. In der Säuglingsphase sind das typischerweise Berührung, Stimme, Bewegung und Rhythmus (20). Später kommen Atmung, Bewegung, soziale Kommunikation, Spiel-Flow und kognitive Strategien hinzu. Der Nuckel ist dann kein „Feind“, sondern ein Baustein, der seinen Platz im Gesamtprofil haben kann – nur eben nicht als alleiniger Regler über viele Jahre. Es darf nicht vergessen werden, dass der Gebrauch eines Nuckels nicht das Leben der Eltern angenehmer machen soll, sondern als zielgerichtetes Werkzeug zu verstehen ist. Ein Universalgebrauch eines Saug- und Kauwerkzeuges für jede emotionale Regulation, ist sicherlich kritisch zu bewerten.

🧾 Autor / Disclaimer

Marcel Kluge, MSc., MBA Gesundheitsmanagement & Digital Health, Precision Health. 
Der Autor hat selbst Kinder und hat sich dem Thema wissenschaftlich genähert, ohne dabei ein klares Pro oder ein klares Kontra zu postulieren. 

Dieser Beitrag dient der wissenschaftlichen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, zahnmedizinische oder logopädische Diagnostik. Es werden keine Heilungs- oder Wirkversprechen gemacht. Bei persistierendem Sabbern, häufigem Verschlucken, auffälligem Kaumuster, anhaltender Mundatmung/offener Mundhaltung, Artikulationsauffälligkeiten oder Verdacht auf Malokklusion ist eine interprofessionelle Abklärung sinnvoll.

Quellenverzeichnis

(1) Foster JP, Psaila K, Patterson T. Non-nutritive sucking for increasing physiologic stability and nutrition in preterm infants. Cochrane Database Syst Rev. 2016.
(2) American Psychological Association. Negative reinforcement (APA Dictionary of Psychology).
(3) Mendelsohn AI, Ragozzino ME, et al. Creatures of Habit: The Neuroscience of Habit and Purposeful Behavior. 2019.
(4) Dezfouli A, Balleine BW. Habits, action sequences, and reinforcement learning. 2012.
(5) Gillan CM, Otto AR, Phelps EA, Daw ND. Model-based learning protects against forming habits. 2015.
(6) Smith AP. Chewing gum and stress reduction. 2016.
(7) Scholey A, Haskell C, Robertson B, et al. Chewing gum alleviates negative mood and reduces cortisol during stress. 2009.
(8) Luo J, et al. The Effects of Chewing Gum on Reducing Anxiety and Stress. 2022.
(9) ASHA Practice Portal. Orofacial Myofunctional Disorders.
(10) Archambault N, Billings M, D’Onofrio L, et al. Orofacial Myofunctional Disorders Consensus Statement. 2024.
(11) Shah SS, et al. Orofacial myofunctional therapy in tongue thrust habit. 2021.
(12) Kanellopoulos AK, et al. The effects of prolonged pacifier use on language and cognitive development. 2024.
(13) Shotts LL, McDaniel M, Neeley RA. The Impact of Prolonged Pacifier Use on Speech Articulation: A Preliminary Investigation. 2008.
(14) Strutt C, et al. Does the duration and frequency of dummy (pacifier) use affect the development of speech? 2021.
(15) Hung M, et al. Pacifier Use and Its Influence on Pediatric Malocclusion. 2025.
(16) Schmid KM, et al. The effect of pacifier sucking on orofacial structures. 2018.
(17) Caleza-Jiménez C, et al. Influence of the physiological pacifier on the development of malocclusions (review). 2024.
(18) Nihi VSC, et al. Pacifier-sucking habit duration and frequency on occlusal and oral myofunctional alterations in preschool children. 2015.
(19) Buabang EK, et al. Leveraging cognitive neuroscience for making and breaking habits. 2025.
(20) Valori I, et al. Touch facilitates newborns’ self-regulation: systematic review. 2025.

Marcel Kluge - 19:54:46 | Kommentar hinzufügen

 

 


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